Ein unvergleichlicher Meister

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Iran Journal

Nasser Kanani hat das einzige deutschsprachige Buch über persische Kunstmusik verfasst – und er kannte den kürzlich verstorbenen persischen Sänger Mohammadreza Shajarian persönlich. In einem Gastbeitrag für das Iran Journal erklärt Kanani, warum Shajarian zum „König der traditionellen persischen Gesangskunst“ erkoren wurde.

Mohammadreza Shajarian war ein Ausnahmekünstler: ein Meistersänger, bewandert in der Welt der persischen Lyrik wie kaum ein anderer, der auch das Melodieinstrument Santur meisterhaft spielte; ein exzellenter Kalligraph und ein kundiger Blumenzüchter.

Um zu verstehen, warum er von vielen Iranerinnen und Iranern als „König der traditionellen persischen Gesangskunst“ bezeichnet wird, muss man die Grundelemente der traditionellen persischen Kunstmusik kennen.

Diese Musik besteht aus einer Vielzahl überlieferter Melodiefiguren (persisch: Gusche), deren Herkunft und Entstehungsgeschichte in den meisten Fällen unbekannt sind. Die Altmeister der persischen Musik haben diese Melodiefiguren aufeinander abgestimmt und sie gruppenweise in musikalischer Abfolge (persisch: Radif) angeordnet. Diese haben sie wiederum in sieben unabhängige Haupttonsysteme (persisch: Dastgah) und fünf abhängige Nebentonsysteme (persisch: Mayeh) unterteilt.

Die Hauptton- und Nebentonsysteme werden in aller Regel von ausgebildeten Sängerinnen und Sängern als Gesang (persisch: Awaz) vorgetragen, wobei sie von einem Instrumentalisten begleitet werden. Somit steht der Gesang im Mittelpunkt der traditionellen persischen Kunstmusik. Anzumerken ist noch, dass jede Sängerin/jeder Sänger natürlich dem Gesang ihre oder seine individuelle, persönliche Note als unverkennbares Unterscheidungsmerkmal verleiht.

Abgesehen davon, dass die Beherrschung der Hauptton- und Nebentonsysteme samt ihren Melodiefiguren die unerlässliche Voraussetzung für die formvollendete Darbietung des persischen Gesangs ist, spielen folgende Aspekte bei der Beurteilung und Würdigung der musikalischen Performance einer Sängerin/eines Sängers eine wichtige Rolle:

  •      die Gesangsstimme und ihr Umfang,
  •      die passende Auswahl der Lyrik,
  •      die musikalische Interpretation der Melodiefiguren.

Das Album „Bidad“ – Parviz Meshkatian und Mohammadreza Shajarian:

Als begnadeter Sänger verfügte Shajarian von Natur aus über eine unvergleichliche, klare und durchdringende Gesangsstimme, deren Umfang sich von tiefsten bis zu höchsten Tonlagen erstreckte. Er war in der Lage, die einzelnen Melodiefiguren unabhängig von ihrer Tonhöhe und modalen Struktur mit einer beneidenswerten Leichtigkeit zu realisieren. Nichtsdestoweniger unterließ er zeitlebens keinen Versuch, seine Stimme bis zur Perfektion auszubilden.

Shajarians profunde Kenntnisse der Dichtkunst versetzten ihn in die Lage, die passenden Gedichte zu dem von ihm gewählten Hauptton- und Nebentonsystem aus dem reichhaltigen Schatz der persischen Lyrik auszuwählen, was die Wirkung seines Gesanges intensivierte.

Konkurrenzlos war Shajarian aber insbesondere dann, wenn es um die musikalische Realisierung der Melodiefiguren ging. Es lässt sich kaum in Worte fassen, mit welcher Geschicklichkeit dieser Ausnahmesänger die einzelnen Melodiefiguren gesanglich interpretierte, mit welcher Subtilität er die Übergänge gestaltete und die musikalischen Tonräume ineinander fließen ließ. Ich erinnere mich an eine Frage, die ich ihm einmal bei einem sommerlichen Spaziergang stellte: „Herr Shajarian, verraten Sie mir ein Geheimnis! Ist der unmerkliche Übergang der einen Melodiefigur in die andere ein Wesenszug der traditionellen persischen Kunstmusik, oder sind Sie es, dem es immer wieder gelingt, diesen Übergang so perfekt zu gestalten wie kein anderer?“ Er lächelte nur und erwiderte nichts.

Es waren also Shajarians einzigartige Gesangsstimme, sein unbeirrbarer ästhetischer Sinn bei der Auswahl geeigneter Gedichte und nicht zuletzt seine außerordentliche Gesangstechnik, die ihn als „König der traditionellen persischen Gesangskunst“ auszeichneten.

Mit Weitsicht sorgte Shajarian als Lehrer und Vorbild dafür, dass seine Tochter Mojgan und sein Sohn Homayoun nach seinem Tode in seine Fußstapfen treten und sein künstlerisches Erbe weiter pflegen würden. Dennoch werden sich die Liebhaberinnen und Liebhaber der traditionellen persischen Gesangskunst noch viel gedulden müssen, bis ein zweiter Shajarian die Bühne der persischen Musik betritt.♦

Zur Person: Professor Nasser Kanani ist Werkstoffwissenschaftler und Festkörperphysiker sowie Autor von mehreren wissenschaftlichen Beiträgen und 14 Büchern. Sein neuestes Werk ist „Hafis. Der größte Lyriker persischer Zunge“ (Verlag Königshausen & Neumann,  kartoniert, 282 Seiten, ISBN: 3826069501).

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