Iranische Filmemacher sind die schlitzohrigsten der Welt. Einer von ihnen geht jetzt einen Schritt weiter

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Rasulof

Trigon Film

Der Mann (Mohammad Seddighimehr) hat in seiner Jugend den Militärdienst verweigert, die Konsequenzen trägt auch die Nichte (Baran Rasulof).

Neue Zürcher Zeitung, Andreas Scheiner

Iranische Filmemacher sind ja mit die mutigsten und schlitzohrigsten der Welt. Wie sie die Zensoren ausmanövrieren, die Sittenwächter desavouieren, das ist doch jedes Mal ein kleines Spektakel und eine Freude für sich. Bestes Beispiel: der Regisseur Jafar Panahi, der einmal einen Film auf einem USB-Stick in einen Kuchen einbuk und so zum Filmfestival nach Cannes schmuggelte. Aber klar, was nach einem gelungenen Bubenstreich klingt, ist einer denkbar tristen Realität geschuldet.

Allein, dass es ein iranisches Kino gibt, das den Namen verdient, ist bemerkens- und bewundernswert. Denn mit der islamischen Revolution vor gut 40 Jahren eröffneten die Mullahs das Feuer auf die Leinwände: Ein Brandanschlag auf ein Kino in der Stadt Abadan, bei dem weit über 400 Menschen ums Leben kamen, sollte 1978 dem Geheimdienst des Schahs in die Schuhe geschoben werden, um das Volk aufzuwiegeln. 125 Kinos, heisst es, seien im Zuge von Khomeinys Revolution niedergebrannt worden.

Dabei hatte der Ajatollah sogar einen Sinn fürs Kino, er soll schwer angetan gewesen sein von Dariush Mehrjuis magisch-realistischer Fabel «Die Kuh» (1969). Dieser Markstein des iranischen Films huldigte einer darbenden Landbevölkerung, was wiederum dem Schah seinerzeit nicht in den Kram passte. Der liess den Film verbieten, Zensur gab es also schon vor den Mullahs. Dem Kino kommt in Iran jedenfalls immer eine wichtige Rolle zu im gesellschaftlichen Transformationsprozess, und genehm waren Khomeiny und seiner Clique dann auch nur jene Filme, die sich für ihre Sache einspannen liessen, sonst verdammten diese Leute das Lichtspiel schreiend als «Prostitution».

«Propaganda gegen den Staat»

Das also ist das Spannungsfeld, in dem der iranische Film bis heute sitzt: Die Machthaber wissen um die Kraft des Kinos – und knüppeln dessen Meister auch deshalb gerne nieder. In dieser Ambivalenz erklärt sich vielleicht ein Stück weit, wie Filme wie nun Mohammad Rasoulofs «There Is No Evil» erst entstehen können.

Rasoulof gewann mit dem Werk im Frühjahr den Goldenen Bären auf der Berlinale. Ob er es wie Panahi per Kuchenversand für das Festival eingereicht hat oder wie auch immer: Man staunt, dass es dem Mann gelungen ist, überhaupt eine Minute Film zu drehen. Denn spätestens mit seinem vorherigen Streich «A Man of Integrity» (2017) war der Filmemacher den Mächtigen maximal lästig geworden.

«A Man of Integrity» erzählte von einem durch und durch korrumpierten Gottesstaat und gewann in Cannes in der Sektion Un Certain Regard den Hauptpreis. Aber statt eines grossen Bahnhofs bei der Rückkehr entzog man ihm noch am Flughafen den Pass. «Propaganda gegen den Staat», hiess es in der Urteilsverkündung. Im Juli letzten Jahres erhielt Rasoulof eine Haftstrafe von einem Jahr, die er pandemiebedingt noch nicht antrat. Stattdessen drehte er «There Is No Evil». Ohne Dreherlaubnis, versteht sich.

«Wie in allen totalitären Systemen gibt es Schlupflöcher», beschied Rasoulof via den «Tagesspiegel» trotzig: «Ich halte es für ein Grundrecht, dass ich meiner Arbeit nachgehen darf, und ich mache davon Gebrauch.»

Bei Kurzfilmen wird nicht genau hingeschaut

«There Is No Evil» besteht aus vier Episoden, und hierin fand Rasoulof sein Schlupfloch: Man meldete unabhängig voneinander vier Produktionen von vier Filmemachern an. Dass es sich um Rasoulofs Regieassistenten handelte, rief die Behörden offensichtlich nicht auf den Plan. Bei Kurzfilmen schaue das Zensursystem nicht so genau hin, weiss Rasoulof. Wie es gelang, die Freigabe für die einzelnen Drehbücher zu bekommen, verrät der Filmemacher nicht; es ist anzunehmen, dass er nicht die Originalstoffe eingereicht hat.

Oder bei der Zensurbehörde hat man sich nur ins erste Drehbuch eingelesen. Los geht es wie im Mystery-Krimi: In einer Tiefgarage hieven zwei Männer einen grossen, schweren Sack in einen Kofferraum. Eine Leiche? Die Neonröhren flackern, der Wagen rollt langsam über das Parkdeck. Bei der Ausfahrt wird der Fahrer von einem Sicherheitsbeamten angehalten: Kofferraum aufmachen; was ist in dem Sack? – «Meine Ration Reis», erklärt der Mann ruhig, dann darf er weiterfahren. Ohne etwas vorwegzunehmen: Es war wirklich nur Reis. Aber Rasoulof hat die falsche Fährte natürlich nicht ohne Hintergedanken gelegt: Der Fahrer ist mit dem Tod auf Du und Du, alle vier Episoden aus «There Is No Evil» kreisen nämlich um die Todesstrafe in Iran.

Die erste gestaltet sich nach dem vermeintlich dramatischen Beginn entschieden beliebig. Der Mann kommt nach Hause, macht sich frisch, holt dann seine Frau, eine Lehrerin, von der Schule ab, anschliessend die kleine Tochter, Einkäufe werden erledigt, abends isst man Pizza. Erst zum Schluss der Episode erschliesst sich deren Sinn, als Rasoulof schockhaft seinen Punkt macht, indem er in einer überraschenden Wendung vom Strang des Lebens zum Tod durch den Strang übergeht.

Wie genau, soll hier nicht verraten sein. Das Thema ist damit jedenfalls gesetzt, und in der nächsten Geschichte geht es um einen jungen Wehrdienstleistenden, der als Henker eingeteilt ist. Er begehrt auf, und in der Nacht vor dem ersten Einsatz bricht die Verzweiflung aus ihm heraus. Die anderen Soldaten im Zimmer reden ihm zu, es wird seine Gehorsamkeitspflicht angemahnt.

Die dritte Episode zeigt sodann einen anderen jungen Soldaten, ebenfalls vom Vollstreckungskommando, der in den Ferien auf dem Land zufällig mit den Folgen seines Tuns konfrontiert wird. Und in der vierten Episode ist es wiederum ein älterer Mann, der in seiner Jugend den Dienst verweigert hat und jetzt mit den Konsequenzen leben muss.

Nicht mehr um Metaphern bemüht

Mohammad Rasoulof ist ein guter Geschichtenerzähler, er variiert das Tempo, hält unvermittelte Wendungen bereit und ist nah dran an den Figuren. In seiner thematischen Verflechtung mag man den Episodenfilm thesenhaft und konstruiert finden, aber Rasoulof ging es genau darum: seine Gedanken geradeheraus zu äussern. Denn in seinen frühen Filmen, so erklärte er sich in einem Interview mit der Zeitschrift «Film Comment», habe er einen metaphorischen Erzählstil bemüht, um keine allzu direkte Konfrontation mit der Zensur zu provozieren. Nun wolle er sich seine Filmsprache nicht mehr von der Tyrannei diktieren lassen.

Rasoulof will gar nicht mehr schlitzohrig sein. Das ist erst recht mutig.

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